Schwerzenbach will sozialverträglich wachsen und bei diesem Wachstum mitbestimmen.

Sprach über Heimat und Wachstumsschmerzen: Martin Hermann, Gemeindepräsident von Schwerzenbach

Die Gemeinden in der Agglomeration werden aufgrund des Bevölkerungswachstums mit Herausforderungen bezüglich wachsenden Investitionen, Sozialausgaben und steigenden Mieten konfrontiert. Wie Schwerzenbach als Teil des boomenden Wirtschaftsraums Glattal damit umgeht, erfragte der Regionalverband bei Martin Hermann, dem Gemeindepräsidenten von Schwerzenbach.

Eine Sotomo-Studie im Auftrag der Denkfabrik Urbanistica ging dem Verdichtungspotenzial der Schweizer Gemeinden auf den Grund und wies 2025 Schwerzenbach als die Gemeinde mit dem schweizweit grössten Potenzial aus. Dies, obwohl Schwerzenbach flächenmässig zu den kleinsten Gemeinden im Kanton Zürich gehört. Doch die Gemeinde ist mit fast 2000 Einwohner:innen pro Quadratkilometer jetzt schon viel dichter besiedelt als beispielsweise Flurlingen (621 EW/km2) oder das bezüglich Fläche dreieinhalb mal so grosse Wila (240 EW/km2).

Waren Sie vom Fazit dieser Studie überrascht?
Als ich es las, dachte ich «Na, bravo…». Denn vor rund vier Jahren brachte der damalige Gemeinderat die Vorlage für eine moderne BZO-Revision mit einer sinnvollen Innenentwicklung zur Abstimmung. Diese wurde an der Urne aus verschiedenen Gründen – zu viel, passt nicht zu Schwerzenbach, aus Angst vor Heimat- bzw. Identitätsverlust – zurückgewiesen. Als frischgebackener Gemeindepräsident übernahm ich in der Folge das Dossier. Im Gemeinderat waren wir uns einig, dass wir sowohl die Annahmen zur Bevölkerungsentwicklung als auch die qualitativen Ziele beibehalten wollten. Wir haben aber mehrere Gebiete von der Revision bzw. von Aufzonungen ausgenommen.

Und dann, nur wenige Wochen vor der neuerlichen Abstimmung über die BZO-Revision erschien dieser Sotomo-Artikel mit der Feststellung, Schwerzenbach müsste (und könnte) viel mehr verdichten… Ehrlich gesagt, war ich froh, dass uns die Studie auf den 1. Platz setzte. So bekamen wir die mediale Aufmerksamkeit, um dazu Stellung zu beziehen. Um klar zu machen, dass uns das Potenzial bewusst ist, aber die Sorgen der Bevölkerung ernst genommen und die politische Mehrheiten berücksichtigt werden müssen.

Wie waren die Reaktionen in der Bevölkerung?
Auf unsere öffentlichen Stellungnahmen – wachsen zu wollen, aber nicht um jeden Preis – gab es aus der Bevölkerung fast ausschliesslich positive Reaktionen.

Seit 2001 ist die Bevölkerung von Schwerzenbach um einen Fünftel gewachsen. Im Vergleich zu anderen Gemeinden im Glattal wie z. B. Dübendorf und Wallisellen (jeweils plus 50 %) erscheint das wenig. Ist das auf einen Mangel an Wohnraum oder auf etwas anderes zurückzuführen?
Das hat vielleicht mit den bestehenden Strukturen, mit dem Alter des Liegenschaftenbestands zu tun. Viele Liegenschaften – vor allem in Bahnhofsnähe – kommen erst jetzt in die Jahre, wo sich eine grosszyklische Sanierung oder eine Erneuerung aufdrängt. Dort liegt auch unser Fokus bei der revidierten BZO. Dort wird vermutlich das Wachstum stattfinden. In Schwerzenbach ist alles innerhalb von 15 Gehminuten erreichbar, Geschäfte, Naherholungsgebiet und der Anschluss an die öV-Verbindungen.

Schon 2018 wurde im Rahmen einer Vertiefungsstudie zum Raumentwicklungskonzept REK festgestellt, «dass sich Verdichtung und Bevölkerungszunahme auf das soziale Gefüge und Zusammenleben in Schwerzenbach auswirkt» Wie äussern sich diese Auswirkungen?

Das wird schon länger diskutiert. Als ich Gemeindeschreiber in Eglisau war, hat jene Gemeinde ein ungleich grösseres Wachstum erlebt. Und die Sorge um Heimat oder Identität hatte man auch dort. Nicht ganz zu Unrecht. Als Gesellschaft und auch als Gemeinde hat man eine Aufgabe, die Leute aufzunehmen und sie nicht nur dazu einzuladen, sich zu integrieren, sondern dies auch zu fordern.

Jetzt haben wir die konkreten, klaren Bedingungen der BZO-Revision. Und nun können wir uns überlegen, wie wir diese mit Leben, mit Seelen füllen. Wir reden zurzeit viel über den Begriff Heimat, einen schwierigen und spannenden Begriff, da unterschiedlich besetzt. Unter dem Arbeitstitel «Von gestern ins Heute ins Morgen» diskutieren wir gesellschaftliche Themen.
Beim städtebaulichen Wettbewerb zur Entwicklung des Zimikerrieds, einem ehemaligen Industriegebiet, haben die gesellschaftlich-sozialen Fragen einen ganz hohen Stellenwert. Dazu verlangen wir Antworten von den beteiligten Architektur-Teams.
Wir sind nicht bereit, Wachstum einfach «passieren» zu lassen, so als könnten wir dieses nicht beeinflussen.

Wie gross ist das Potenzial des Zimikerried?
Das dürften ein paar Hundert Einwohner sein. Das Spezielle am Zimikerried ist: Es entsteht ein neues Quartier. Insofern hat es durchaus eine grosse Bedeutung. Und da braucht es auch einen Quartier-Treffpunkt. Man soll sich als Gemeinde aktiv darüber Gedanken machen, was die Gemeinde ausmacht und was zur Gemeinde passt. In Schwerzenbach darf man zum Beispiel das Wort «urban» nicht gebrauchen. Das ist ein Triggerwort in diesem dörflichen Umfeld.

Derselbe REK-Bericht ging davon aus, dass 2020 etwa 5400 und 2030 rund 6000 Menschen in Schwerzenbach leben werden. Entsprechend wurde geplant. Aktuell leben 5255 Personen hier…
Die prognostizierten Zahlen stammen hauptsächlich aus der letzten BZO-Revision. Und ich bin gespannt, was passiert, wenn die neue BZO rechtskräftig ist. Wachstumsprognosen sind immer schwierig.

Schwerzenbach rechnet weiterhin mit einem Bevölkerungswachstum… bei einer Wohnungsleerstandsquote von 0,04 %… wo sollen die Neuzuzüger:innen wohnen?
In Schwerzenbach hat es noch Platz, weiterzubauen. Aber es bedeutet Arbeit, diese Gesellschaftsstrukturen weiterzuentwickeln.

Der Teilrevision der kommunalen Bau- und Zonenordnung wurde am 30. November letzten Jahres mit fast 70 % zugestimmt. War es ein leichter Weg dorthin?
Nachdem die ursprüngliche Vorlage abgelehnt worden war, haben wir bei der Überarbeitung bei verschiedenen Gebieten Aufzonungen gestrichen. Dies wurde bei einer vorberatenden Gemeindeversammlung sehr begrüsst. Und es wurde erstaunlicherweise ein Gebiet mit grossem Potenzial, das wir ausgenommen haben, wieder in die Vorlage aufgenommen. Bei der anschliessenden Urnenabstimmung wurde es breit akzeptiert, dass wir uns Zeit lassen, «kleinere Brötchen backen» und nebst ein paar Aufzonungen auch noch ein wichtiges neues Instrument in die BZO aufgenommen haben, nämlich die Gestaltungsplanpflicht (exekutive Gestaltungspläne, die der Gemeinderat bewilligen kann), welche uns eine Mitgestaltung ermöglicht. Dies hat auch zur Folge, dass sich Grundeigentümer überlegen, ob sich ein Projekt lohnt oder nicht. Und das ist in unserem Sinn, denn wir wollen nicht, dass in den nächsten fünf Jahren alles leergekündigt wird, um Ersatzneubauten zu erstellen.

Ein sehr nachhaltiges Instrument, den Erhaltsbonus, konnten wir leider nicht integrieren. Dieser wäre zum Tragen gekommen, wenn jemand – anstatt einen Ersatzneubau zu planen – das bestehende Gebäude saniert. Dann hätte er aufstocken dürfen. Aber die Rechtsgrundlagen dafür muss der Kanton Zürich erst noch schaffen (Link zur Vernehmlassung >).
Damit verbunden sind rechtliche Fragen wie zum Beispiel die feuerpolizeilichen Bestimmungen: Gelten jene aus dem Baujahr oder die heutigen? Das muss geklärt werden. Und dies in einer Situation, in der schon bald grosse Liegenschaften mit bezahlbaren Wohnraum abgebrochen und neuer, aber teurerer Wohnraum erstellt wird. Das ist ein grosses Problem.

Was geschieht mit dem Zimikerried? Hat die Gemeinde bezüglich gutem Wohnungsmix, aber auch gutem Bevölkerungsmix Vorgaben ins Pflichtenheft für den Wettbewerb geschrieben?
Ja, für unseren Teil der Grundstücke ganz klar ja. Wir brauchen tatsächlich kleinere Wohnungen mit guter Wohnqualität als Umzugsanreiz, damit grössere Wohnungen, eventuell auch Einfamilienhäuser in der Gemeinde wieder frei werden.

Knapp ein Fünftel (18,4 %) der Schwerzenbacher:innen sind im AHV-Alter.
Tendenz – wie fast überall im Kanton Zürich – steigend. Stellt das eine Gemeinde vor neue Aufgaben?

Die Alterung ist für eine Gemeinde ein grosses, ein wichtiges Thema. Allein die Pflegekosten steigen enorm. Die Menschen wollen länger selbständig wohnen, Altersheime braucht es eigentlich nicht mehr. Was viele suchen, sind barrierefreie Wohnungen und alternative Wohnformen, möglichst nah bei einem Spitex-Stützpunkt.
Die Menschen werden gesünder alt. Und mit unseren ambulanten Angeboten können wir viel auffangen. So gesehen sind gute Siedlungen enorm viel wert. Wir haben auch jemanden in der Jury, welche die Vorschläge nach sozialräumlichen Kriterien beurteilen wird.

Fast 70 % der Menschen in Schwerzenbach leben in Kleinhaushalten von ein oder zwei Personen.
Ja, das ist überdurchschnittlich viel.

Demgegenüber beträgt der Anteil an Ein- bis Drei-Zimmerwohnungen aber nur gerade 45 %. Ist das ein Thema – zum Beispiel im Zusammenhang mit dem strategischen Ziel des bedarfsgerechten Wohnraums für die Bevölkerung?
Den Bedarf an kleinen Wohnungen haben wir in die Wettbewerbsbedingungen beim Zimikerried geschrieben. Unsere Idee ist, dass Alleinstehende oder Paare nicht in einer 4,5-Zimmerwohnung mit 140 Quadratmetern wohnen müssen. Diese sollen eine attraktive Alternative bekommen.
Auch sind wir bereits jetzt – im Hinblick darauf, dass die neue BZO in Kraft tritt – dabei, die privaten und institutionellen Grundbesitzer zu vernetzen. Meine Standard-Frage an sie lautet jeweils «Was macht der Nachbar?» Wir versuchen sie dazu zu ermuntern, sich über ihre Absichten auszutauschen. Wenn sie dann gemeinsam an die Gemeinde herantreten, wird auch der Spielraum der Gemeinde grösser. Je nachdem könnten zum Beispiel bei gemeinsamen Verkehrserschliessungen andere Strassen aufgehoben und damit mehr Bauland frei werden.

In der Strategie wurde festgehalten, dass Schwerzenbach Einwohnerinnen und Einwohner braucht, die sich in der Gemeinschaft, also für das Gemeindeleben engagieren. Damit hat die Gemeinde viel mit den Wohnbaugenossenschaften gemein. Auch diese werden durch das Engagement ihrer Bewohnenden gestärkt.Wie schätzen Sie die Haltung des Gemeinderats, aber auch der Bevölkerung gegenüber gemeinnützigen Wohnbauträgern ein?
Wir haben ja einen nicht gerade üppigen Anteil von ca. 7 % an gemeinnützigen Wohnungen in der Gemeinde und zwei gemeinnützige Wohnbauträger. Diese beiden sind in der Gemeinde gut etabliert. Und selbst wenn wir heute zum Beispiel Land im Zimikerried an den Meistbietenden verkaufen wollten, wäre das vor der Gemeindeversammlung chancenlos. Der Wind hat in den letzten zehn Jahren gedreht, sicherlich aufgrund des Drucks auf dem Wohnungsmarkt. Die Kinder der Einwohner finden in Schwerzenbach keine Wohnung. Und das ärgert die Leute. Der Gemeinderat will diese Grundstücke nicht verkaufen. Es wäre auch nicht nachhaltig, Gemeindeland zwecks Schuldenabbau zu versilbern. Klar ist aber auch, dass die Gemeinde nicht selber bauen, sondern einen Partner finden oder einen «gründen» wird.

Gibt es aktuell Projekte mit Wohnbaugenossenschaften bzw. ist zum Beispiel eine Ausschreibung von Land im Baurecht geplant?
Nein, aktuell nicht.

 



Schwerzenbach in Zahlen
5255 Einwohner:innen (Stand 2025) – rund 22 % Wachstum
seit 2001, zurzeit um 1,4 % im 5-Jahres-Mittel
9,6 % Zusatzleistungen (2023)
7,5 % Anteil an gemeinnützigen Wohnungen (184 Wohnungen, Stand 2023)
2 gemeinnützige Bauträger vor Ort
0,04 % Leerstand 2025
öV: 4x pro Stunde in 16 Min. am HB Zürich, 2x pro Stunde in 22 Min. am Flughafen
Steuerfuss: 103 % (2026)
(Angaben vom Statistischen Amt des Kantons Zürich und von den SBB)

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