Kompakte Wohnformen für kleine Haushalte – ein Realitätscheck

In über 70 % der Haushalte in Zürich leben nur eine oder zwei Personen. In Genossenschaftswohnungen liegt dieser Anteil bei 67 %. Gleichzeitig besteht der Wohnungsmix der Gemeinnützigen überwiegend aus 3- bis 5-Zimmer-Wohnungen, kleinere Wohnungsgrössen sind stark untervertreten. Das hängt auch damit zusammen, dass sich viele Genossenschaften in der Vergangenheit auf Familienwohnungen konzentriert haben und  die Mietbelastung in kleinen Wohnungen am höchsten ist. Die Branche reagiert darauf. So erstellt sie neben konventionellen Kleinwohnungen auch neue Wohnformen – von Microliving, Alters-WG bis Clusterwohnen. Allen gemein ist der Versuch, den zunehmenden Einpersonenhaushalten attraktive Angebote zu machen, ohne die Flächeneffizienz aus den Augen zu verlieren.  

Planen wir dennoch am Bedarf vorbei?
Das wurde an unserer Veranstaltung «Kompakte Wohnformen für kleine Haushalte – ein Realitätscheck» diskutiert. Wie viel private Fläche braucht ein Mensch? Was kann geteilt werden? Und welche Wohnqualität entsteht, wenn private Räume kleiner werden und dafür gemeinschaftlich nutzbare Flächen wachsen? Wie akzeptiert sind neue Wohnformen? Und sind sie vermietbar?

Das Podium aus den Fachexpert:innen Anna Haller, Marcus Fauster, Gian Trachsler und Andreas Wirz stellte Thesen auf, die durch das Publikum lebendig kommentiert und erweitert wurden.

Die Diskussion machte deutlich: Der gemeinnützige Wohnungsbau braucht mehr Wohnungen für kleine Haushalte. Gleichzeitig reicht es nicht, einfach mehr kleine Wohnungen zu bauen. Gefragt sind differenzierte Wohnangebote, die Privatsphäre, Gemeinschaft und unterschiedliche Lebenssituationen zusammenbringen. Zwischen Cluster, Wohngemeinschaft und Einzimmerwohnung liegt noch viel Potential.

Kleine Haushalte brauchen nicht einfach weniger Wohnraum
An der Veranstaltung wurde die Idee des kompakten Wohnens aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Dabei wurde deutlich: Wohnangebote für Kleinhaushalte müssen durch Qualität überzeugen. Das gilt für klassische Ein- und Zweizimmerwohnungen genauso wie für gemeinschaftliche Wohnformen. In Einzimmerwohnungen braucht es beispielsweise gute Lösungen in der Raumaufteilung, etwa einen optisch abgetrennten Bereich für das Bett. Für alle Wohnformen sind gemeinschaftlich genutzte Räume wichtig. Sie ergänzen die private Wohnfläche. Doch auch hier spielt Privatsphäre eine grosse Rolle. Sie beginnt nicht erst an der eigenen Wohnungs- oder Zimmertür. In der Diskussion wurde deshalb auch betont, wie wichtig eine durchdachte Wegführung ist. Je besser die gemeinsam genutzten Räume die Alltagsbedürfnisse der Bewohnenden berücksichtigen, desto eher wird eine kleinere private Fläche akzeptiert. Denn Gemeinschaft funktioniert nicht automatisch, nur weil Räume geteilt werden. Entscheidend ist, dass die Bedürfnisse nach Gemeinschaft und Rückzug gleichermassen beachtet werden.  

Auch die Vorstellung, dass weniger private Fläche automatisch Kosten spart, wurde kritisch betrachtet. Bei Neubauten sind kleine Wohnungen nicht zwangsläufig günstiger. Der Flächenverbrauch einer Person, die beispielsweise in einem Cluster wohnt, ist rechnerisch grösser als ihr privater Raum, die geteilte Fläche wird schliesslich anteilig angerechnet. Und gerade Clusterwohnungen sind aufgrund der vielen Bäder und Küchen in der Erstellung kostenintensiver.  

Eine hohe räumliche Qualität kann dazu beitragen, dass auch kompakte Wohnformen attraktiv werden. Aber: wer Räume teilt, braucht einen guten Grund dafür. Gemeinschaftsräume, Grundrisse und architektonische Qualität sollen deshalb einen konkreten Mehrwert im Alltag beisteuern.

Wohnungen müssen sich verändern können
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die Frage, wie lange ein Gebäude auf die Bedürfnisse seiner Bewohnenden reagieren kann. Was heute als passende Wohnung geplant wird, muss nicht zwingend dem entsprechen, was Mietende in zehn, zwanzig oder dreissig Jahren benötigen.

Siedlungen sollten deshalb möglichst so geplant werden, dass sie sich an unterschiedliche Lebensphasen und veränderte Ansprüche anpassen lassen. Das kann durch flexible Grundrisse, unterschiedliche Nutzungen von Räumen oder eine Kombination verschiedener Wohnungsgrössen und Wohnformen innerhalb einer Siedlung erreicht werden.

Dabei geht es nicht um maximale Flexibilität um jeden Preis. Vielmehr sind Lösungen gefragt, die im Alltag standhalten. Die Verantwortung dafür liegt bei den Bauherren ebenso wie bei den Planenden. Eine treffende Vorstellung aus der Diskussion war das «Bauen als Zwiebel»: öffentliche und private Schichten spielen zusammen, Gemeinschaftsflächen laden zum Miteinander ein, ohne es aufzudrängen und senken damit die Hemmschwelle, neue Wohnformen auszuprobieren.

Mit den Teilnehmenden wurden verschiedene Ansätze diskutiert.

Der Cluster ist eine Möglichkeit – aber keine Universallösung
Clusterwohnungen bleiben eine mögliche Antwort auf die Bedürfnisse kleiner Haushalte. Sie verbinden private Wohneinheiten mit gemeinsam genutzten Räumen und können dank guter architektonischer Lösungen unterschiedliche Formen des Zusammenlebens ermöglichen.

Auch zeigte sich deutlich: Cluster, Wohngemeinschaften und andere gemeinschaftliche Wohnformen bleiben Nischenangebote. Sie sind nicht für alle Menschen und nicht für jeden Standort geeignet. Das wird auch im Vermietungsprozess deutlich. Nach Aussage der Expertenrunde hilft es, die Mitglieder frühzeitig einzubinden, in partizipativen Prozessen die Bedürfnisse zu verstehen und die eigenen Ideen für neue Wohnformen zu teilen. Es wurde empfohlen, den Vermietungsprozess gezielt früh zu beginnen, da er aufwändiger wird, je neuartiger die Wohnform ist. Veranstaltungen und Beteiligungsformate spielen dabei eine zentrale Rolle.

Die Schlussfolgerung daraus ist jedoch nicht, die Entwicklung alternativer Wohnformen abzubrechen. Vielmehr gilt es den Blick zu weiten. Anstatt die Diskussion immer wieder auf das klassische Clustermodell zu konzentrieren, lohnt es sich, neue Kombinationen und Formen des Zusammenlebens auszuprobieren. Warum die Kategorie «Cluster» nicht weiter fassen und neue Lösungen entwickeln?

Veränderung braucht Vertrautheit
Warum verbreiten sich alternative Wohnformen trotz verschiedener guter Erfahrungen und dem konkreten Platzproblem bisher nur langsam? Eine These des Abends: Ein möglicher Grund liegt in der hohen Sesshaftigkeit. Wer über viele Jahre in einer bestimmten Wohnform gelebt hat, ist nicht unbedingt bereit, diese zu verändern. Damit neue Wohnformen breiter akzeptiert werden, braucht es deshalb mehr Kontakt und «Normalität».

In diesem Zusammenhang spielt auch die Generationenfrage eine Rolle. Kinder und Jugendliche, die heute selbstverständlich mit verschiedenen Wohnformen aufwachsen, werden diese später möglicherweise anders beurteilen als Menschen, die in ihrem bisherigen Leben kaum Berührung damit hatten. Was heute als ungewohnt gilt, kann für kommende Generationen ganz selbstverständlich sein.

Qualität vor Kreativität
Klar ist: Kompakte und gemeinschaftliche Wohnformen überzeugen nicht allein durch ihre Andersartigkeit. Entscheidend ist die Qualität des Angebots. Der Mietpreis pro Quadratmeter erhält dann eine andere Bedeutung. Entscheidend bleibt nicht allein die Grösse der privaten Fläche, sondern die Qualität des gesamten Wohnangebots – insbesondere das Verhältnis zwischen privatem und gemeinschaftlich genutztem Raum.
Für Planende und Bauträger bedeutet das: Kreative Wohnformen sind kein Selbstzweck. Gefragt sind Lösungen, die konkrete Herausforderungen des Alltags beantworten und einen nachvollziehbaren Mehrwert schaffen.

Den Blick auf den Wohnungsmix weiten
Haben die kompakten Wohnformen den Realitätscheck also bestanden? Ja und nein. Die klassische Ein- oder Zweizimmerwohnung kann ebenso wie neue Wohnformen dem Bedarf für Ein- bis Zweipersonen-Haushalte begegnen. Auch innerhalb einer Siedlung können unterschiedliche Wohnformen nebeneinander bestehen und verschiedene Bedürfnisse ansprechen beziehungsweise auf die verschiedenen Lebensphasen eingehen.

Für gemeinnützige Bauträger bedeutet dies, bestehende Annahmen zu hinterfragen und den Fächer möglicher Lösungen weiter zu öffnen. Nicht jede neue Wohnform wird sich durchsetzen. Aber nur wenn unterschiedliche Modelle ausprobiert werden, kann sich zeigen, was unter welchen Bedingungen funktioniert.

Der «Realitätscheck» zeigt damit vor allem eines: Die Zukunft kompakter Wohnformen liegt nicht in einem einzigen Modell. Sie liegt in mehr Vielfalt, in anpassungsfähigen Gebäuden und in Wohnangeboten, die private Rückzugsmöglichkeiten, Gemeinschaft und Qualität sinnvoll miteinander verbinden. Die Diskussion zeigt auch: es lohnt sich, mutig zu bleiben. Schliesslich sind gemeinnützige Wohnbauträger die, die innovatives Bauen und Wohnen weiter vorantreiben und aufzeigen, dass es geht. Dieser Spirit steht uns gut und darin liegt eine wichtige Stärke der Branche. Sie reagiert auf die gesellschaftlichen Veränderungen und Anforderungen. 

Beim anschliessenden Apéro tauschte man sich zum Thema weiter angeregt aus.

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