Stella Vondra ist seit 2023 im Vorstand von Wohnbaugenossenschaften Zürich. Neben ihr sitzen aktuell in Vorstandsbesprechungen mehr Männer als Frauen. Zur nächsten Generalversammlung wird der Vorstand neu gewählt und der Verband sucht zwei neue Vorstandsmitglieder. Stella könnte dann die einzige Frau im Vorstand sein. Warum eigentlich?
Wir sind überzeugt: ein gemischter Vorstand ist ein starker Vorstand. Unser Appell an alle Leserinnen: Bewerbt euch!
Der Verband braucht Frauen, die Lust haben, mitzugestalten und eine weitere starke weibliche Stimme einzubringen.
Wir haben mit Stella gesprochen.
Stella, wo also sind die Bewerberinnen geblieben?
Wenn ich mich an Anlässen des Verbandes umsehe, sehe ich viele Frauen, sicher die Hälfte der Anwesenden. Sie arbeiten in unterschiedlichen Funktionen bei Wohnbaugenossenschaften, viele davon in Führungspositionen. Sie bringen Fachwissen mit, sind kommunikativ, gut vernetzt und engagieren sich – so entstehen vor Ort tolle Gespräche und viele gute Ideen.
Bei den aktuellen Bewerbungen für unseren Vorstand fehlen die Frauen dann aber mehrheitlich. Und da frage ich mich wirklich: Warum?
Sie dürfen nicht fehlen. Es geht mir dabei nicht darum, dass ich mich als einzelne Frau im Vorstand nicht ausreichend einbringen könnte. Es ist vielmehr eine Frage des Gleichgewichts. Unsere Bevölkerung und auch die Mitglieder unserer Genossenschaften sind vielfältig – und das sollte sich auch in den Gremien widerspiegeln, die für sie wichtige Weichen stellen.
Was meinst du, warum braucht das gemeinnützige Wohnen Frauen im Vorstand?
Weil Wohnen uns alle betrifft. Und weil Entscheidungen rund um Wohnraum sehr direkt mit unserem Alltag zu tun haben: Welche Wohnformen brauchen wir morgen? Was verstehen wir unter guter Nachbarschaft und sozialer Durchmischung? Welche Unterstützung brauchen unsere Mitglieder, die gemeinnützigen Wohnbauträger? Wie wollen wir bezahlbaren Wohnraum für die Zukunft sichern und fördern?
Diese Fragen diskutieren sich wesentlich besser, wenn unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven zusammenkommen. Frauen bringen das auf einer anderen Ebene mit als Männer. Ihre Erkenntnisse aus dem beruflichen und persönlichen Alltag sind bereichernd. Es wäre schade, wenn dieses Wissen in den Entscheidungsgremien zu wenig vertreten wäre.
Und ganz ehrlich: Ob das nun typisch weibliche Eigenschaften sind oder nicht; Bälle jonglieren, Gruppen organisieren, vielfältig kommunizieren und Verantwortung übernehmen – das sind alles Fähigkeiten, die wir in der Vorstandsarbeit auf jeden Fall sehr gut gebrauchen können.
Und doch ist Vorstandsarbeit für viele etwas Neues. Hast du das Gefühl es schreckt ab, das vielleicht spezifisches Vorwissen benötigt wird? Muss man alles schon wissen?
Nein – zum Glück nicht. Ich wusste bei meinem Einstieg auch nicht alles. Wer weiss das schon. Ich nehme das durchaus als Hürde wahr. Es kann schon sein, dass diese Annahme Frauen manchmal unnötig davon abhält, sich zu bewerben. Völlig unbegründet!
Vorstandsarbeit ist Teamwork. Ich kann wirklich sagen: wir ergänzen uns gut, wir unterstützen uns gegenseitig und füllen Wissenslücken gemeinsam auf. Wir suchen keine Expertinnen. Viel wichtiger ist für uns: Interesse und Neugier, die Bereitschaft, sich mit Themen auseinanderzusetzen, und der Wunsch, etwas mitzugestalten.
Ich verstehe Vorstandsarbeit deshalb auch als eine Art Weiterbildung. Man erhält Einblick in Themen, mit denen man sich im eigenen Berufsalltag vielleicht nie so intensiv beschäftigen würde. Und man lernt enorm viel voneinander.
Ist Vorstandsarbeit dann eher ein Teilzeitjob oder ein Dauerhobby?
Für das Thema gemeinnütziges und preisgünstiges Wohnen muss «frau» schon ein wenig brennen – insofern hat es durchaus etwas von einem Dauerhobby. Ein gutes, mit viel Sinn.
Vorstandsarbeit bei Wohnbaugenossenschaften Zürich ist kein zweiter Vollzeitjob Der tatsächliche Aufwand ist gut planbar, auch wenn es punktuell intensivere Phasen gibt. Es ist mir wichtig zu sagen: Vorstandsmitglieder gemeinnütziger Bauträger sind teilweise stark ins operative Tagesgeschäft eingebunden – das ist nicht vergleichbar mit den Aufgaben im Verband.
Wir haben eine professionelle und sehr effiziente Geschäftsstelle, die den Vorstand enorm entlastet. Wir arbeiten gemeinsam in Kommissionen mit unterschiedlichen Fachgebieten und bilden auch hier gute Teams. Termine und Aufgaben sind eigentlich immer früh bekannt und lassen sich gut organisieren.
Du kennst die Vorstandsarbeit inzwischen gut. Gibt dir die Vorstandsaufgabe auch etwas zurück?
Sehr viel sogar – fachlich, persönlich und auch über die eigentliche Vorstandsarbeit hinaus. Ich kann bei Themen mitreden, die für Zürich und die ganze Region wichtig sind. Ich darf Menschen aus unterschiedlichen Bereichen kennenlernen, erhalte ständig neue Einblicke und habe so mittlerweile ein Netzwerk aufgebaut, das weit über die eigentliche Vorstandsarbeit hinausgeht. Ich würde sagen es sind sogar Freundschaften entstanden.
Gerade dieses Vernetzen kommt im normalen Berufsalltag zu kurz. Hier im Vorstand gehört es zur Aufgabe. Gleichzeitig kann ich mich vertieft mit Themen beschäftigen, weiterdenken und auch einmal eine Idee über längere Zeit verfolgen. Im Tagesgeschäft bleibt dafür wenig Raum. Es macht einfach grossen Spass, gemeinsam etwas zu bewegen, die Veränderungen zu sehen, eine Entwicklung aktiv mitzugestalten. Es geht ums Wohnen – nochmal, das betrifft uns alle.
Was würdest Du einer Frau sagen, die gerade denkt: Eigentlich interessant – aber bin ich wirklich die Richtige?
Genau diese Frage würde ich gerne umdrehen: Warum eigentlich nicht? «Frau» muss eben nicht bereits alles können, nicht das perfekte Netzwerk mitbringen und auch nicht seit zwanzig Jahren in der Genossenschaftswelt unterwegs sein. Viel wichtiger ist es, Interesse am gemeinnützigen Wohnen zu haben, die eigene Perspektive mitzubringen und Ideen einbringen zu wollen. In einem starken Team, das sich unterstützt.
Ich empfehle allen Leserinnen: Fragt euch nicht, ob ihr sämtliche Anforderungen erfüllt.
Fragt euch: Habe ich Lust auf diese Aufgabe?
Wenn die Antwort darauf «Ja» lautet: Meldet euch!
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